Das IT-Handbuch für Fachinformatiker stammt aus dem Hause Galileo und wurde dort im Jahre 2009 in der 4. aktualisierten und erweiterten Auflage verlegt. Verfasst hat das 1.025-Seiten starke Buch Sascha Kersken. Der Verlag hat mir nebst andern Büchern ein Exemplar zur Verfügung gestellt. Das Werk richtet sich an Menschen die sich inmitten der Ausbildung zum Fachinformatiker befinden oder planen, eine solche zu absolvieren. Ich habe mir das Buch angesehen, die meisten Seiten daraus gelesen und darf sagen, dass es sich deutlich lebendiger liest, als man es von einem solchen Buch erwarten dürfte. Einige Themen sind recht trocken, aber der Autor versteht es, die Inhalte spannend und seriös zugleich anzubieten.
Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt, auch wenn der nichts mit dem Buch zu tun hat: Nach dem Lesen (und Verstehen) der Inhalte dieses Buch hat man sich eine ganze Menge Wissen angeeignet. Aber alleine mit den Kenntnissen würde man mindestens hier in der Schweiz keine Stelle finden. Es ist halt bloss Theorie und oft technischen Wissen über die Funktionen von Prozessoren, Festplatten und dergleichen, aber auch Grundlagen zur Programmierung und der Skriptsprachen. Das reicht nicht. Hier bei uns würde die duale Berufslehre dieses Manko ausgleichen. Der Anteil an praktischer Arbeit bei einer ordentlichen Berufslehre liegt bei uns zwischen 60 und 80 Prozent. Theoriefuzzies haben wir aus den Bereichen Consulting und Projektmanagement schon genug; wir brauchen nicht auch noch welche in unserer Zunft. Ich gehe aber davon aus, dass auch in Deutschland und Österreich die klassische Berufslehre das Mass der Dinge ist.
Das Buch trägt den Untertitel “Der Ausbildungsbegleiter” und suggeriert damit genau das, was ich als wichtig erachte: Nebst all dem theoretischem Wissen braucht es Praxis, Praxis, Praxis. Anfangs zauderte ich etwas beim Lesen, weil ich annahm, dass die Ausbildung in Deutschland derjenigen der Schweiz nicht entsprechen würde. Aber diese Zweifel konnte ich rasch aus dem Weg räumen. Auch unser Branchenverbände und das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie sehen in etwa den gleichen Ausbildungsplan vor. Insofern ist das Buch auch für uns hier in der Eidgenossenschaft als Ausbildungsbegleiter geeignet.

Gefreut hat mich sehr, dass im Buch Linux und Unix immer wieder – wie wir es uns auch gewohnt sind – eine besondere Stellung im positiven Sinne einnehmen. Der Autor vermeidet es sehr geschickt, das eine Produkt gegen ein anderes auszuspielen, aber der aufmerksame Leser wird feststellen, dass es handfeste und objektive Gründe für eine gewissenhafte Wahl eines Betriebssystems, je nach Aufgabe, gibt. Ubuntu wird hier, obschon das Buch aus dem Jahre 2009 stammt und damals Ubuntu schon sehr verbreitet war, als “Nebenprodukt” genannt.
Zu Beginn des Buches kommen die diversen Berufe rund um die IT zur Sprache und dann geht es zum Eingemachten. Die Geschichte der Rechenmaschinen und Computer finde ich immer wieder spannend. Und hier kommt das Thema recht tief zu Geltung. Ich lese diese Rückschauen nicht nur gerne, weil sie einfach spannend sind, sondern weil ich mich gerne zurück erinnere an meine “Pionierzeit” mit dem ATARI ST und dem ersten x86er. Im gleichen Kapitel geht es dann auch um die digitale Datenverarbeitung und der Speicherung. Dieses theoretische Wissen ist auch heute noch eine sehr gute Grundlage, um moderne Systeme überhaupt verstehen zu können. Anschliessend werden die mathematischen und technischen Grundlagen besprochen. Die Logik ist hier ein wichtiger Teil, denn schliesslich basieren darauf die prozessor-internen Befehle. Algebra studieren ist also ein Muss. Und danach wird die Elektronik und deren Grundlage angeschaut. Dann folgt der obligate Teil mit der Hardware, dessen Inhalte auch schon bei der vorausgehenden Kapiteln teilweise erwähnt wurden oder später wieder darauf zurückgekommen wird.
Der Bereich Netzwerk nimmt einen zentralen Teil in diesem Buch ein. Es gibt ein eigenes Kapitel dazu, aber auch andere Inhalte behandeln mindestens am Rande Netzwerke. Sascha Kersken erklärt fast mit einer Engelsgeduld die einzelnen Komponenten und vergleicht sie miteinander. Natürlich ist auch IPv6 ein Thema, dem ich mich irgendwann auch mal annähern sollte. Routing und NAT werden besprochen und dazu natürlich die ganzen Transportprotokolle. Dieses Kapitel ist vollständig und recht intensiv. Anschliessend folgt wieder etwas Theorie: Die Betriebssystem-Grundlagen. Spontan dachte ich dabei an so manchen Möchtegern-Informatiker und an ihre Erklärungen, was ein OS wäre. Es ist immer wieder lustig zu hören, was Menschen unter einem Betriebssystem verstehen und wo sie die Grenzen zwischen der Hardware, dem OS und dessen Systemprogrammen sowie den Applikationen ziehen. Hier in diesem Buch wird alles fein säuberlich und korrekt dargestellt.
Schliesslich kommt das Thema Windows zur Sprache, dem auch ein Kapitel gewidmet ist. Dieses habe ich grosszügig quergelesen. Nicht weil ich der Meinung wäre, Windows sei ein schlechtes Betriebssystem, sondern weil ich mich in meiner Freizeit lieber mit Dingen beschäftigen möchte, die ich mag. Und verschlossene Software gehört nun mal nicht dazu. Dafür folgt gleich im Anschluss der Bereich Linux. Dort werden die Distributionen OpenSUSE, RedHat und Debian besprochen. Dabei geht es eher um die Bedienung und um die Installation von Software auf einem eher seichten Niveau. Das achte Kapitel ist dem Mac OS X gewidmet. Die Firma Apple bietet wohl die beste Verbindung zwischen Hard- und Software, da das Unternehmen beides herstellt. Ich erachte aber Apple als noch verschlossener als das Unternehmen aus Redmond, obschon Apple früher als der kleine David angesehen wurde, der gegen Micosoft kämpfte. Heute praktiziert Apple eine Politik, die Benutzer einsperrt (oder aussperrt) statt sie partizipieren zu lassen. Das Kapitel zum Mac OS X ist eher knapp gehalten.
Die beiden nächsten Kapitel sind ziemlich anspruchsvoll. Die Grundlagen zur Programmierung und zur Netzwerkprogrammierung. C und seine Artverwandten, Java, Perl und Ruby kommen zur Sprache, aber auch die ganze Konzepte dazu sowie die Frameworks. Hier liegt sehr viel Wissen, aber auch strukturelle Informationen. Bei der Netzwerkprogrammierung geht es dann auch um Webservices. Dieser Bereich wird dann später noch einmal in einem eigenen Kapitel aufgegriffen. Ich finde, dass der Autor die Erklärungen für reguläre Ausdrücke, aber auch für Pipes und Treads ganz gut dargelegt hat. Selbstverständlich gibt es praktische Beispiele zu jeder Programmiersprache, welche hier besprochen wird.
Und dann folgt eines meiner Lieblingskapitel: Datenbanken. NoSQL wird zwar noch nicht erwähnt, aber dafür die Relation sehr gut dargestellt. Dazu gibt es einen Überblick der wichtigsten Datenbank-Engines und die Hilfsmittel dazu. Im Zentrum steht aber MySQL, damit werden dann auch die vertieften SQL-Informationen erklärt. Das zweite Kapitel, das ich sehr mag, beschäftigt sich mit Webanwendungen. Denn auch dort steht quasi Linux mit dem Apache und PHP im Zentrum. Zunächst wird aber in einer ganz treffenden Art und Weise der HTTP-Header und einige anderen Standards besprochen. Anschliessend folgen weitere Internet-Serverdienste wie DNS und OpenLDAP. Im letzten Drittel in diesem Buch folgen Inhalte zum XML-Standard und weiteren Dateiformaten, die Webseiten-Erstellung wird besprochen, dazu folgen Inhalte zu (X)HTML und CSS. Dieser Bereich streift den Kern der Sache eher nur; man könnte ja eigene Bücher damit füllen. Webanwendungen finden ein paar Seiten, auch Blogs und andere CMS-Systeme. Und natürlich kommt das gutem alte Wiki in den Vordergrund. Als abschliessendes Kapitel folgt JavaScripting und AJAX. Auch hierzu sind Beispiele vorhanden, damit die Inhalte besser verstanden werden können. Als stiefmütterliches Schlusswort setzt dann die Sicherheit den Schluss. Allerdings kommt dieses Stichwort in fast allen Kapiteln immer wieder zur Sprache, deswegen ist es hier etwas kurz, dafür aber prägnant dargelegt.
Das Buch eignet sich bedingt als Nachschlagewerk. Für die Ausbildung ist es bedingungslos als “Duden” zu nutzen, in der Praxis aber nicht wirklich. Einerseits ist in diesem Buch so viel Wissen verpackt, dass die einzelnen Bereich teilweise etwas flach behandelt werden, andererseits ist es ja ein Buch für die Begleitung während der Ausbildung und hilft beim Lernen und Verstehen. Dafür steht ein Glossar und ein Stickwortverzeichnis in Deutsch und Englisch zur Verfügung.
Das IT-Handbuch für Fachinformatiker ist selbstverständlich mit einem Galileo Buch-Update versehen, so dass Korrekturen und Erweiterungen nachträglich abgeholt werden können. Das Buch trägt die ISBN 978-3-8362-1420-9 und ist im Handel für knapp 35 Euro erhältlich.