Sklaven der Erreichbarkeit

Seit ungefähr einem halben Jahr trage ich mehr oder weniger ständig ein HTC Magic auf mir. Damit führe ich einen Hosentaschen-Computer mit mir herum und kann fast von überall her auf das Internet zugreifen, meine Mails checken, Nachrichten verfassen, identi.ca bedienen und weitere Dienste nutzen. Eigentlich ist es auch das, was ich mir so sehnlichst gewünscht habe: Immer und überall auf das Netzwerk zugreifen zu können. Telefonieren zu können oder SMS beziehungsweise MMS zu erhalten oder zu versenden spielt eine untergeordnete Rolle. Immerhin besitze ich ja ein SmartPhone und das kann weit mehr als bloss telefonieren. Es wäre ja Perlen vor die Säue geschmissen, wenn ich damit eine solch simple Tätigkeit wie Fernsprechen ausüben würde.

Aufgrund eines grossen Nachteils des HTC – und wohl auch allen andern Geräten dieser Klasse – bin ich ins Grübeln gekommen. Das Teil braucht recht viel Spannung und damit ist der Akku recht schnell leer. Nutze ich das Gerät eher sparsam, hält der Akku maximal zwei Tage, wobei ich es während der Nacht ausschalte. Setze ich es oft ein, dann ist der Akku nach knapp zehn Stunden leer. Lächerlich und peinlich zugleich. Ich erinnere mich an die alten, guten Handys; die hielten gut und gerne während 14 Tagen durch und mussten erst nachher wieder an den Strom, um aufgeladen zu werden. In diesem Bereich kann offenbar die Entwicklung von Akkus nicht mithalten. Entschuldigung, aber so etwas ist meiner Meinung nach einfach nicht brauchbar. Deswegen überlegte ich mir, ob ich denn tatsächlich immer und überall auf das Internet zugreifen und alle Dienste in Griffnähe haben muss. Oder geht es auch anders? Dass ich erreichbar sein will, hat eher etwas mit vermeintlicher Sicherheit zu tun, als mit dem Wunsch ständig dabei zu sein, immer und überall auf Mails und Jabber reagieren zu können.

Schliesslich kam ich zum Schluss, dass es wohl deutlich lebenswerter wäre, wenn ich nicht immer das Gefühl mit mir herumtrüge, dass ich auf irgendwelche Anfragen per Mail, Jabber, Forum oder was auch immer sofort und unmittelbar Antwort geben müsste. Vielmehr ist es doch befreiend, wenn ich das einmal nicht tun muss. Besonders dann, wenn ich unterwegs bin und mich in vielen Fällen mit ganz andern Themen beschäftige. Mein HTC ist in diesem Fall wohl eher ein Feind als ein Freund, wobei letztlich ich selbst entscheide, wofür ich das Gerät einsetze.

Per Zufall stiess ich auf ein Angebot aus dem Hause Brack; ein Nokia 1616. Das ist ein echtes Mobil-Telefon, weil es nämlich nicht sehr viel mehr als Telefonieren kann. Inklusive Versandkosten musste ich dafür 44 eidgenössische Franken löhnen, ein Spottpreis im Vergleich zum HTC, welches ohne Abo-Abschluss über 800 Franken gekostet hätte.

Das Nokia beherrscht das Telefonieren, kann Adressen verwalten, Erinnerungen speichern, SMS und MMS versenden, bietet ein paar Spiele und sonstige Goodies, kann wecken und die Zeit retour zählen, wartet mit einem UKW-Radio auf und hat sogar noch eine Taschenlampe eingebaut. Wofür auch immer. Allerdings kam ich alsbald auf die Idee, dass ich für die Taschenlampe wohl sehr viel eher Verwendung finden würde als für eine der mannigfaltigen “geekigen” Dienste auf dem HTC, die GPS und weiss der Teufel welche drahtlosen Dienste nutzen. Mit WLAN oder GPS lässt sich bisweilen noch kein Licht erzeugen. Kurz und gut: Ich habe damit ein Telefon zur Hand, das genau das kann, wofür es dereinst ersonnen wurde; zum Telefonieren. Und ich erhalte damit die Erreichbarkeit, welche ich mir wünsche: Im Notfall und für die inzwischen lieb gewonnene Bequemlichkeit. Ausserdem hält der Akku des bescheidenen Geräts über zwei Wochen lang durch. Hier muss ich allerdings sagen, dass ich damit kein WLAN nutze (weil es keins hat), was wohl sehr viel zum sparsamen Stromverbrauch beiträgt. Und bei einem solch einfachen Gerät komme ich nicht in Versuchung, damit zu spielen. Es gibt schlichtweg nichts (ausser den Spielen, die ich ohnehin nicht mag), womit ich spielen könnte.

Und so gesellt sich das Nokia zu meinem Sackbefehl, derweil bleibt das HTC zu Hause liegen. Ich kann es nicht einmal veräussern oder verschenken, da es Orange “gesimlockt” hat. Aber ich werde es wohl zu Veranstaltungen aus unserer Zunft mitnehmen, um damit allenfalls auf das Internet zugreifen zu können. Gibt es kein WLAN oder LAN, um auf das Internet zu kommen, kann ich damit per Tethering und allenfalls meinem Netbook eine Verbindung aufbauen. Ich vermisse an dem Gerät allerdings eine Tastatur. Es ist nicht immer sehr komfortable, über den kleinen Touchscreen die Daten einzugeben.

Und nun noch ein kurzes Wort zu Android, dem Möchtegern-Linux aus dem Hause Google. Auf dem HTC läuft die erste Version 1.5. Weder HTC noch Orange werden sich dafür einsetzen, dass auf dem HTC Magic jemals eine andere Version läuft. Der Aufwand ist schlicht zu gross und lohnt sich nicht. Android 1.5 ist alt, verstaubt und langsam. Und der grösste subjektive Nachteil: Es stammt von Google und wer weiss, an welchen Daten sich die Kloake während meinen Telefonaten und Surftouren bedient hat. Google is not evil, but very curious.

Ich erhoffte mir die grosse Freiheit mit dem SmartPhone der ersten Güte. Bekommen habe ich eher eine Gefangenschaft oder besser getroffen eine Abhängigkeit, die weder notwendig noch nutzbringend ist. Im Kontext zu unserer Gesellschaft und seiner Entwicklung ist das vielleicht nicht weiter verwunderlich. Manchmal muss man gegen den Strom schwimmen, um an die Quelle oder zurück zur Wurzel zu kommen. In der Einfachheit liegt die Wahrheit.

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16 Kommentare to “Sklaven der Erreichbarkeit”

  1. Gregor FröhlichNo Gravatar schrieb:

    Hoi Roman, willkommen zurück zum Ursprung. Ich hatte das gleiche Problem mit E-Mails. Seit ich meine E-Mails nur noch 2x im Tag (kurz vor dem Mittagessen und kurz bevor ich nach Hause gehe) lese, geht es mir viel besser, ich werde nicht dauernd gestört.

  2. Markus SowadaNo Gravatar schrieb:

    Dein Beitrag thematisiert genau das, was mich derzeit ebenfalls umtreibt. Ständige Erreichbarkeit empfinde ich schon langer eher als Fluch und nicht mehr als Segen. Was mich nach wie vor überlegen lässt, so ein Smartphone mitzuführen sind die Möglichkeiten des kleinen Computers. Ich kann agieren, kann also beispielsweise in einer fremden Stadt schnell und unkompliziert nach dem Weg sehen, kann Restaurants suchen ohne auf die Empfehlungen des Hotelportiers angewiesen zu sein uvm.. Natürlich, man kann sich die meisten Informationen, wie früher, vor dem Beginn Reise besorgen. Überhaupt: Stichwort Reise. Das war doch dieses Dings, bei dem man früher seine gewohnte Umgebung verlassen hat, um “die Welt” zu entdecken, oder? Hat da nicht auch notwendigerweise eine Konzentration auf das Unterwegs-Sein dazu gehört? Hat nicht diese Konzentration geradezu einen wichtigen Teil des Unterwegs-Seins ausgemacht? Heute empfinde ich die Welt auch kleiner, weil Fremdheit beinahe gar nicht mehr passieren kann. Wenn ich etwas sehe, dass ich nicht verstehen, kann ich ja sofort googlen. Wobei wir auch im fliessenden Übergang zu Android wären. Die Ideen, die hinter Android stehen, können mich nach wie vor begeistern. Andererseits ist es eben am Ende doch nicht zu vergleichen mit der lebendigen und freien Community, die hinter Linux steht. Und dann kommen noch die Netzanbieter dazu und die Gerätehersteller und ehe man sich versieht, hat man eine an sich wunderbare Idee eines freien Betriebssystems für Handies hingerichtet.

    Offenbar treiben nicht nur mich kritische Gedanken um, wenn ich das mobile Internet denke und seine Endgeräte. Und das macht mich froh, denn ab und an kam ich schon auf die Idee, dass ich langsam zu kritisch werde und damit vielleicht auch manchmal beinahe technikfeindlich. ;)

  3. brunoNo Gravatar schrieb:

    Willkommen zurück im Club der “Telefonbesitzer” ;)
    Ich “weigere” mich noch standhaft, mich von meinem Nokia 6230i zu trennen. Es kann telefonieren (ich bin damit jederzeit für Pikettfälle erreichbar, ich kann es als Modem nutzen und zur Not kann ich damit über WAP den SBB-Fahrplan abrufen :) Für Internetzugriffe unterwegs, falls wirklich notwendig, belaste ich meinen Rücken mit dem Netbook (das ist noch zu verkraften und nur dabei, wenn ich es bewusst mitnehme. Ausserdem hat es eine halbwegs vernünftige Tastatur).
    Mir sträuben sich sämtliche (noch vorhandenen) Haare, wenn ich teures Geld ausgeben müsste für ein Gadget, das nur am Ladegerät hängt und bei dem man nie weiss, ob es nicht genau dann, wenn man es wirklich mal benötigt, den Geist aufgibt (bzw. nach Strom “schreit”).

  4. Dirk DeimekeNo Gravatar schrieb:

    Wir haben uns ja schon häufig darüber unterhalten. Nachdem ich anfänglich etwas verärgert darüber war, dass ich keinen Mobilfunkempfang mit meinem Provider zu Hause habe, bin ich momentan sehr froh darüber … Interessanterweise verweigern fast alle Menschen die Mobilbox oder den Anrufbeantworter und dokumentieren so, dass sie nicht zurückgerufen werden wollen oder sich später noch einmal bei mir melden.

    Mir hilft das Smartphone unterwegs sehr, aber “eigentlich” wäre es mir lieb, wenn ich zwei Geräte hätte: Ein Telefon und ein Internet-Kleingerät, die ich beide in der Jackentasche transportieren kann. Ich bekomme sehr viele E-Mails und die Zeit im Zug und im Tram (Strassenbahn) nutze ich dazu, einen Teil der Nachrichten zu beantworten.

  5. CarstenNo Gravatar schrieb:

    Ersteinmal eine Beichte:
    Ich habe 3 Mobilfunker im Einsatz. 2 Nurtelefone (eins davon mit Vodafone zum angerufen werden, das andere mit einer geschenkten EPlus- und Festnetzflat zum Anrufen)
    Sowie ein SE Naite als reines INet und Spielhandy.
    Dabei ist es aber so, dass das Vodafoneteil meist irgendwo da liegt, wo ich es eh nicht mitbekomme. So habe ich mir meine Ruhe geschaffen. Bei meinem Internethandy bestimme ich selbst, wann ich z.B. per Jabber erreichbar sein will.
    Trotzdem überlege ich mir oft, doch mal wieder einem Tag ganz ohne Telefon rauszugehen. Das täte sicher auch meiner universitären Aufmerksamkeit gut.
    So wie jetzt. Vorn läuft Mathevorlesung und ich schreib meinen im Grunde sinnlosen Kommentar zu diesem Thema und beweise damit gleich wieder wie krass das Problem ist.
    Wieso hat eigentlich noch niemand einen Tag der ausgeschalteten Handies ins Leben gerufen? Ich wäre dabei.
    In diesem Sinne.
    Carsten

  6. MoellusNo Gravatar schrieb:

    Ich mag Pferde auch lieber als Dampfmaschinen …

  7. brunoNo Gravatar schrieb:

    Was nützt mir die Dampfmaschine, wenn ich sie direkt neben ein Kohlebergwerk stellen muss, damit sie in Schwung bleibt? ;)

  8. JuliusNo Gravatar schrieb:

    Sollte jemand noch moderne Elektronik loswerden wollen, weil er merkt, daß er damit nicht umgehen kann (z.B. sich zum Sklaven der Technik macht statt umgekehrt), immer her damit, ich nehm die gerne.

  9. BenniNo Gravatar schrieb:

    Hallo Roman,

    da gerade mein altes Handy (RAZR V3 von Motorola) abgeschmiert ist, (nach ca. 3 Jahren), bin ich am überlegen, mir ein Android Handy zuzulegen. Jetzt bin ich bei t3n gerade über deinen Artikel gestolpert und bin dir sehr dankbar dafür. Die hast genau meine Befürchtung wiedergegeben, und genau das gezeigt, was ich mir eh schon gedacht habe. Ich werde mir nun wahrscheinlich auch ein günstiges Uralthandy zulegen, das auf die für Handys notwendigen Funktionen beschränkt ist. Danke für den Artikel!

    Viele Grüße, Benni

  10. Gregor FröhlichNo Gravatar schrieb:

    Hallo Roman, ich habe mal ein kleines Bild zum Thema Erreichbarkeit gemacht. http://www.froeh.li/bilder/divers/timeline.png. Gruss Gregor

  11. Roman HanhartNo Gravatar schrieb:

    Cool, Gregor! So sehe ich das in etwa auch, mit ein paar wenigen, kleinen Korrekturen.

  12. Roman HanhartNo Gravatar schrieb:

    @Benni: Schön, dass Dir der Artikel etwas geholfen hat.

    @Julius: Geht leider nicht, das Ding ist gelockt…. Mist :-(

  13. Dirk DeimekeNo Gravatar schrieb:

    Geräte mit Simlock sind auch eine Geissel unserer Zeit, der ich mich nicht mehr unterwerfen werde …

  14. Lesetipps für den 19. Mai | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 schrieb:

    [...] Sklaven der Erreichbarkeit: Endlich frei und unabhängig durch das Weglassen des mobile Web bzw. Freiheit durch Akkus, die tagelang halten. Ein Credo für mobile Telefone, mit denen man telefoniert. (via t3n) [...]

  15. trinecNo Gravatar schrieb:

    Einfach noch Internet Zuhause kündigen, dann hat man gar keine Verpflichtungen mehr mit Foren und Emails. Ein Internetanschluss ist sowie total überbewertet. Telefon? Prepaid? Quark, braucht kein Mensch! Irgendwie ging das früher doch auch…

  16. Den Handyakku durch das Tragen von Gummistiefeln wieder laden - Dein Handyexperte schrieb:

    [...] Power Wellies” tragen, genügt, um den Handyakku vollständig aufzuladen. Wer wirklich rund um die Uhr erreichbar sein möchte, wird diese und ähnliche Erfindungen als Segen [...]

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