Über das Blog von Jenny namens aptgetupdate bin ich auf das Buch Die Ich-Sender gestossen. Darin wird das Social Media-Prinzip beschrieben, zugeschnitten auf das Marketing im Web 2.0. Das Buch habe ich nicht etwas beschafft, weil ich damit in diesem Bereich etwas lernen möchte – das will ich durchaus, aber bitte lieber direkt und am eigenen Leib -, vielmehr wollte ich wissen, welch ein selbsternannter Twitter- und Facebook-Papst sich daran versucht, “unsere Community” schäbigen Marketing-Brüdern zu verganten. Aber die Rechnung ging nicht auf; das Buch ist deutlich besser als ich befürchtet habe.

Verfasst hat das Buch Wolfang Hühnekens, erfahrener Kommunikator und Moderator. Mit einem lockeren, humorvollen und spritzigen Deutsch, das ab und an etwas arrogant daherkommt, gelingt es Herrn Hühnekens, fast ein Dialog mit dem Leser aufzubauen.
Ein Wort zur Arroganz, bevor ich hier gelyncht werde: Als Eidgenosse darf ich festhalten, dass wir die Deutschen im ersten Moment als arrogant wahrnehmen, bis wir die Menschen besser kennen und jedes mal neu lernen dürfen, dass sie in Wirklichkeit sympathisch und nett sind. Sogar der einstige Kassenwart des grossen Kantons, Peer Steinbrück, soll tatsächlich Spuren von Facetten einer Sympathie aufweisen. Ich bewege mich viel und oft in unserer Community rund um Linux und OpenSource-Projekte in Deutschland und erlebe die deutschen Kollegen oft als hilfsbereiter und herzlicher als meine Landsleute. Umgekehrt haben mir auch schon deutsche Freunde erzählt, sie würden Schweizer im ersten Moment ebenso als arrogant wahrnehmen. Also sind wir quitt.
Zurück zum Buch und dem Schreibstil: Beispielsweise fordert mich der Autor als Leser auf, einen Ort im Internet aufsuchen, während der Zeit würde er auf mich warten. Witzig und auflockernd finde ich solche Passagen, obschon ich weiss, dass Herr Hühnekens nicht auf mich wartet und ich dies auf gar nicht wollen würde. Es gelingt ihm meines Erachtens ganz gut, die sozialen Gemeinschaften im Internet so zu erklären, dass ihm auch Outsider folgen können.
Marketing-Strategen, welche “unsere sozialen Netzwerke” für ihre Anliegen missbrauchen wollen, nerven mindestens während der Zeit, in der sie den Versuch durchhalten. Sie scheitern meist kläglich, weil sich niemand in unseren vier virtuellen Wänden etwas aufschwatzen lassen will. Stählerne Verkäufer haben keine Chance. Wer bei Twitter und Konsorten mitreden will, muss wissen, wie man das am besten anstellt und mit welchen Inhalten. Und genau hier setzt das Buch an. Zunächst zuhören und zuschauen, die neuen Formen der Kommunikation kennenlernen und sich dann ganz sachte in die Diskussionen einfügen, dabei niemals verkaufen wollen, sondern Mehrwert liefern; das ist der Rat des Autors.
Ich selbst nutze Twitter nicht mehr aktiv, weil mir die Lizenzbestimmungen nicht gefallen. Stattdessen setze ich einen Account bei identi.ca ein, den ich mit gwibber bewirtschafte. Allerdings betreibe ich kein professionelles Marketing, sondern lebe mich selbst als Privatmann in den Schluchten des Internets. Gegenüber all den sozialen Netzwerken, die für kurze und damit oft flachgründigen Inhalte geeignet sind, stehe ich mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber. Wir alle wissen, dass Tweets und Dents sinnfrei sein können und wir alle erfahren täglich, dass es inmitten dieser schier endlosen Masse von Social-Spam doch noch ein paar Perlen gibt. Seit ich identi.ca nutze, folge ich nur noch Freunden aus der Linux-Welt und den artverwandten Bereichen. Damit nahm bei mir der Anteil der irrelevanten Nachrichten massiv ab.
Am Buch gefallen mir zwei Bereiche besonders gut. Zum Einen weist der Autor mehrfach darauf hin, dass es einen Plan braucht, um sich erfolgreich bei den sozialen Netzwerken eingliedern zu können. Und zwar einen Plan, der auf einer Strategie fusst und einer, der die Zeit regelt, die man in den neuen Diensten einsetzen will. Es wird also nicht unter den Tisch gekehrt, dass sich Twitter und Konsorten zu einem Zeitfresser entwickeln können, der ausserdem nicht zwingend zum Erfolg führt. Andererseits erklärt Herr Hühnekens sehr genau, dass Sozialnetzwerker leidensfähig sein müssen:
Sind Sie leidensfähig? Nein? Dann sind soziale Netzwerke wie Twitter nichts für Sie. Legen Sie das Buch weg, gönnen Sie sich ein Glas guten Weins und gehen Sie früh zu Bett.
Anschliessend zeigt der Autor auf, wie schlechte Nachrichten über die eigene Person oder die eigene Marke, Firma oder den Verein gezielt entschärft und so gerichtet werden können, dass ein gutes Bild entstehen kann. Auch das Bloggen kommt zu Wort und zwar gleich aus zwei Positionen aus betrachtet. Einerseits als Inhaber einer Firma oder Verantwortlicher eines Brands, der mittels einem Blog in die Netzwerke einsteigen will und andererseits die Rollen, welche externe Blogger beim eigenen Marketing spielen können.
Das Buch habe ich an einem Abend gelesen und hatte hernach das Gefühl, dass Einsteiger, die ihrer Marke mittels den sozialen Netzwerken zu mehr Sichtbarkeit verhelfen möchten, eine taugliche Einführung und gute Tipps bekommen hätten. Aber etwas fehlt, das Bild ist nicht komplett. Es wirkt fast ein bisschen steril, zwar lebhaft erzählt und die Begeisterung ist zu spüren. Aber da ist etwas, das nicht zum Ausdruck kommt.
Viele Community-Mitglieder, die sich ebenfalls auf Facebook, Twitter, identi.ca, Xing und so weiter bewegen, wirken auf den sozialen Netzwerken während ihrer Freizeit und setzen sehr viel Energie frei, um ihre Projekte mit Hilfe von freiwilligen Mitstreitern voranzubringen. Dabei entsteht einerseits eine Verbindung zum Projekt, die mit viel Engagement und teilweise sogar mit Passion gelebt wird und andererseits wächst eine Verbindung unter den Mitgliedern der Communities heran, die oft in echten Freundschaften mündet. Möglich ist, dass diese Form der Gemeinschaften im Linux-Umfeld besonders ausgeprägt gelebt wird, insbesondere in den Gemeinschaften rund um Ubuntu und dort wohl speziell im deutschsprachigen Raum. Es ist jener Geist der Gemeinschaften, der in diesem Buch nicht erkennbar ist.
Die Begeisterung des Autors fokussiert auf das Marketing und die Technik, nicht aber auf den eigentlichen Inhalt, die Essenz jener sozialen Netzwerke. Das ist es, was mir in diesem Buch fehlt. Also komme ich zurück zum Anfang dieses Artikels und stelle fest, dass Herr Hühnekens sicherlich kein selbsternannter Papst in Sachen “soziale Netzwerke” ist, denn er hat erwiesenermassen etwas auf dem Kasten, aber das Wesentliche entweder nicht notiert oder nicht verstanden hat. In diesem Sinne kann das Buch auch als Melkanleitung oder Trittbrettfahrer-Stunde für die sozialen Netzwerke verstanden werden.
Die Ich-Sender ist im Jahre 2009 im Verlag Business-Village GmbH erschienen, weist 156 Seiten aus und trägt die ISBN-Nummer 978-3-86980-005-9. Es besteht eine eigene Website zum Buch, es kostet im Handel ca. 27 Franken (~18 Euro).