Die Entwicklung der Ubuntu-Community
Für die aktuelle Weihnachtssendung auf RadioTux habe ich mir ein paar Gedanken zu Ubuntu und seiner Gemeinschaft sowie zu seiner “Mutter” Canonical gemacht und damit einen Beitrag getextet und gesprochen. Als Ergänzung zur Sendung liefere ich hier den Text zum Nachlesen:
Ubuntu hat sich seit dem 20. Oktober 2004 zur weit verbreitetsten Linux-Distribution weltweit entwickelt. Damals startete das auf Debian basierende Linux mit der ersten Version Warty Warthog oder 4.10. Die erreichte Verbreitung alleine ist sicherlich noch kein Qualitätsmerkmal. Doch berücksichtigt man, dass sich über und mit Ubuntu sehr viele Menschen zu Linux bewegen, so hat Canonical, die Firma hinter Ubuntu, wohl eine reife Leistung gezeigt. Obschon es Mark Shuttleworth, dem Gründer von Ubuntu, bisher noch nicht gelungen ist, seinen Bug Number One zu fixen – nämlich Windows vom Thron zu stossen – verbreitet sich Ubuntu schnell; auch unter den Windows-Nutzern. Zwar nutzen laut einer nicht repräsentativen Umfrage vom Magazin Ubuntu User fast 80 Prozent aller Ubuntu-Nutzer im deutschsprachigen Raum nebst dem Linux auch noch ein Windows; mehrheitlich zum Gamen.
Mittlerweile stehen wir bei der Version 10.10 oder Maverick Meerkat. Die erste Alpha-Version der nächstfolgenden Ausgabe namens Natty Narwhal, welche in der finalen Version im April 2011 erscheinen soll, steht zum Download bereit. Ubuntu ist heute einfach und schnell per USB-Stick oder CD auf nahezu jeder x86er-Hardware installiert, ein Live-System sorgt für diejenigen Nutzer vor, die kein Ubuntu fix auf ihrer Platte haben wollen oder Ubuntu vor der eigentlichen Installation austesten möchten. Die Zukunft von Ubuntu verspricht Abwechslung und vor allem unkonventionelle Wege, wie wir beispielsweise zum Thema Unity und Wayland berichtet haben. Rein technisch gesehen dürfte sich Canonical auf dem richtigen Weg befinden, wenn denn auch nicht alle Beobachter dergleichen Meinung sind, was auch in Ordnung, wenn nicht sogar nötig ist. Es dürfte Ubuntu und seinen Nutzern entgegenkommen, wenn sich Canonical einmal mehr etwas von den andern Distributionen abhebt und etwas eigenständige, wenn auch manchmal eigenartig anmutende Wege geht. Allerdings sollte dies im Sinne der Nutzerschaft passieren und nicht bloss, um dem allgegenwärtigen und modernen Gott des Geldes zu huldigen.

Und damit sind wir auch schon beim Thema; nämlich bei der Community rund um Ubuntu. Da tut sich in letzter Zeit einiges schwer; mindestens aus dem Blickwinkel einiger engagierter Benutzer. Canonical scheint sich kaum um die tüchtigen Community-Leute da draussen, welche grosse Teile ihrer Freizeit in die Gemeinschaft stecken, zu kümmern. Weder an der ordentlichen Ubucon vom Oktober 2010 in Leipzig war ein Vertreter von Canonical zu sehen, noch an der Konferenz von OpenSUSE, obschon eine Einladung seitens Novell vorlag. Auch an den Veranstaltungen rund um Linux ist das Unternehmen eher selten anzutreffen. Einzig am diesjährigen LinuxTag zu Berlin war Mark Shuttleworth kurz anwesend. Die Unterstützung an diejenigen Privatiers, welche für die Ubuntu-Gemeinschaft an diverse Veranstaltungen rund um freie Software reisen, um dort Ubuntu zu zeigen und zu repräsentieren, ist nicht oder nur minimal vorhanden. Es geht hierbei nicht um Geld, sondern um Unterstützung ganz allgemein. Hier verhält sich Canonical zu wenig verantwortlich und vor allem kaum kollegial und in keiner Weise integrativ.
Canonical ist für die deutschsprachige Gemeinschaft kaum sichtbar. Stattdessen bemerken viele Benutzer die Anstrengungen, das Unternehmen wirtschaftlich fit zu kriegen. Sei es mit UbuntuOne oder dem SoftwareCenter und dessen kommerziellen Inhalten. Immerhin – und das dürfte wohl positiv zu bemerken sein – hat Canonical einen Grosskunden in der französischen Gendarmerie gefunden. Dennoch: Geld verdienen ist in Ordnung und jedes Unternehmen muss sich früher oder später unserem Wirtschaftssystem unterwerfen – sofern es überleben will – die Bedecktheit von Canonical in der deutschsprachigen Gemeinschaft dürfte dem Unternehmen längerfristig eher schaden als nützen. Etwas mehr Gemeinsinn dürfte Canonical nicht schlecht stehen, zumal es ja durch Ubuntu predigt, dass das Menschsein im Vordergrund stünde.
Daneben bemerken einige exponierte Mitstreiter in der Gemeinschaft, dass sich Ubuntu in der Umgebung der Community immer mehr und mehr zu einem Selbstbedienungsladen entwickelt. Die Menschen kommen bei den Plattformen wie ubuntuusers.de oder dem deutschen Loco-Team vorbei, beziehen Wissen, Erfahrungen und verschwinden wieder, ohne es weiterzureichen. Freilich, dazu besteht keine Pflicht, aber schöne wäre allemal, zumal sich das freie Wissen ausschliesslich durch Weitergabe ausdehnen kann. Diese Gefahr ist bei einer Einsteiger-Distribution wie Ubuntu natürlich grösser als bei einem Linux, das Insidern und Cracks vorbehalten bleibt. Trotzdem verschwindet die Tugend der Freiheit immer mehr aus der Gemeinschaft. Wie in manch andern gemeinnützigen Organisationen sind es einige wenige Menschen, die den Karren ziehen und viel Engagement und Ausdauer zeigen. Nicht ganz ohne Eigennutz, den der Lohn folgt oft in Form von Anerkennung, den es in der Welt der Wirtschaft in der Form deutlich weniger gibt.
Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Kinder von Ubuntu das Unternehmen Canonical daran erinnern, was Ubuntu dereinst sein wollte. Eine Linux-Distribution für alle und mit allen. Das, was das Menschsein aber auch den Glauben an ein universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet, ausmacht, sollte sich in Ubuntu wiederfinden. So mindestens sagte es Mark Shuttleworth. Canonical soll Geld verdienen, denn schliesslich ziehen alle, die Ubuntu in irgendeiner Weise nutzen, einen Vorteil daraus. Der Ton macht die Musik.
Es ist Weihnachten. Manche Wünsche werden erfüllt, andere nicht. Das gilt sowohl für die Gemeinschaft selbst, jedem Mitglied daraus und seinem persönlichem Engagement gegenüber der freien Software und selbstverständlich auch für Canonical. Feindbilder haben wir genug; wir brauchen keines mehr. Stattdessen fehlen uns wohl eher Vorbilder, gerade dort, wo sich die Wirtschaft und die freie Software und deren Gemeinschaften begegnen. Es ist Weihnachten. Manche Wünsche werden erfüllt.
Hier geht es zur Weihnachtssendung von RadioTux.



22. Dezember 2010 um 18:04:00 Uhr
Machst du diese Entwicklung konkret noch an etwas anderem als dem UWR fest? Konkretere Beispiele würden mich schonmal interessieren
22. Dezember 2010 um 18:43:26 Uhr
Immer blöd, aber gut für mein Ego: Grammatikalische Korrekturen.
Du schreibst, Ubuntu sei die “weit verbreiteste” Distribution, du steigerst also “verbreitet”. Nun kann zwar etwas “verbreitet” sein, aber kann etwas “verbreitest” sein? Ich persönlich finde, dass das eher nicht geht, gebe aber zu, dass Sprache etwas demokratisches ist und meine Meinung nicht ausschlaggebend. Trotzdem würde ich von Ubuntu eher als von der “am weitesten verbreiteten” Distribution sprechen oder auch von der “weitest verbreiteten”.
Mein Ego ist nun wieder etwas gekräftigt, daher höre ich nun auf.
22. Dezember 2010 um 19:25:40 Uhr
@Daniel: Es gibt zig Beispiele dafür, was in der Community intern nicht gut läuft. Die gehören aber nicht hierher. Aber Du hast insofern Recht, als dass sie allesamt in die Richtung laufen, in der momentan der UWR krankt. Daneben gibt es noch Canonical und seine “Hierokratie”, die mir nicht immer gefällt.
@gonzo: Du hast absolut Recht. “weit verbreiteste” gibt es nicht. Ich lasse es mal so, da es auch bei RadioTux so vertont ist.
22. Dezember 2010 um 20:53:13 Uhr
Wie wäre es mit einem offenen Brief der Aktiven an Cannonical bzgl. besserer Unterstützung?
Ich vermute das sie die Situation der Aktiven in DE überhaupt nicht richtig wahrnehmen. Wie sieht es denn in anderen Ländern aus? Weiß das jemand?
Die Ubuntu selbst und Ubuntu-Community ist im Moment stark im Wandel. Bzgl. Ubuntu finde ich das sehr gut, auch wenn mir das nicht immer persönlich gut gefällt. Besser als bei Debian mit ihren zähen Entscheidungsstrukturen und der Dominanz der Entwickler (ok, hier scheint sich langsam auch etwas zu ändern).
Leider ist es in jeder Gemeinschaft so, das die Basisarbeit (z.B. URW etc.) Knochenarbeit ist die keiner machen will. Ich spreche da aus Erfahrung mit anderen Projekten. Gute Erfahrungen habe ich allerdings damit gemacht, inaktive Mitstreiter zu entfernen und parallel deutlich zu machen, das wenn es niemanden gibt der die Arbeit macht, xyz nicht gemacht wird.
Ansonsten: Schöner Artikel.
uwe
22. Dezember 2010 um 23:43:02 Uhr
Wie wärs mit einem Offenen Brief an unseren Mark das die Gemeinschaft etwas gepflegt werden sollte?
Dein Text würde sich da doch ganz gut eignen. Ich würde da sogar mit Namen unterschreiben.
Etwas sollte da getan werden.
22. Dezember 2010 um 23:57:30 Uhr
Ein paar meiner eigenen Gedanken hast du schön formuliert, wobei ich es noch etwas ausgeprägter sehe:
Wenn irgendetwas nicht funktioniert, oder man sich über Bugs beschwert, da tönt es von Canonical und auch von anderen Seiten “mach doch selber was, beteilige dich, wir sind eine Gemeinschaft, und Ubuntu ist ihr Produkt”.
Wenn es aber um Mitbestimmungsrechte geht (was allein schon beim Namen der einzelnen Versionen anfängt und bei fundamentalen Software Entscheidungen weitergeht), da ist Ubuntu plötzlich ganz und kar kein “Gemeinschaftsprojekt” mehr, sondern Canonicals Produkt, und es sei ja legitim, dass die damit Geldverdienen wollen, und überhaupt, was haben wir denn hier eigentlich zu melden?
Diese Haltung ärgert mich seit längerem.
Nicht umsonst liest man im Netz von offizieller Seite immer weniger zur Ubuntu Philosophie.
Zur Zeit von Intrepid wurden die Kernpunkte (Menschlichkeit, freie Software von Menschen für Menschen, Gemeinschaft) immer wieder betont.
Es war eben was eigenes, von dem jetzt nur noch wenig zu spüren ist.
Sehr schade, wie ich finde.
23. Dezember 2010 um 07:49:15 Uhr
Ich finde den Text immer noch grossartig und identifiziere mich auch voll und ganz damit.
Prima Roman!
23. Dezember 2010 um 15:59:03 Uhr
Es scheint ein immer wiederkehrendes Phänomen zu sein, dass Projekte, die kürzlich entstanden sind, von Idealismus und Enthusiasmus getragen werden. Jeder, der sich beteiligt, verbindet teilweise unausgesprochene Wünsche damit, wie sich etwas entwickeln soll. Enttäuscht wendet nach einiger Zeit mancher den Rücken, weil die Richtung nicht die seine ist. Diejenigen, die dabei bleiben, tragen mehr oder weniger begeistert die weitere Arbeit voran. Bis zu einem Zeitpunkt, an dem die Resignation überwiegt, alles hingeworfen wird.
Etwas von dieser Enttäuschung überträgt sich von diesem einen Absatz (… Selbstbedienungsladen..) auf mich als Leser. Ich gebe zu, dass ich seit einigen Jahren von der Stärke der „exponierten Mitstreiter“ profitiere und nur ganz leise in meinem Umfeld auf eine Alternative zu XP & Co hinweise. Mehr traue ich mir nicht zu. Doch jetzt frage ich mich, angeregt durch eben diesen Absatz, warum eigentlich nicht?
Nutze ich doch UBUNTU seit zwei Jahren als alleiniges System auf meinem Laptop, kann ich doch mit IP Adressen und einfachen Netzstrukturen etwas anfangen – ja warum soll ich dann nicht meine Hilfe für Anfänger zur Verfügung stellen? Ich werde mich also als regionaler Ansprechpartner registrieren!
Ansonsten kann ich jedem engagierten Linuxnutzer nur danke sagen. Bleibt weiterhin am Ball und resigniert nicht, auch wenn nicht alles nach Wunsch verläuft.
Die Idee, auf stagnierende Projekte hinzuweisen, weil Mitstreiter fehlen, finde ich gut.
Vielleicht nicht ganz OT eine kleine Begebenheit: In meiner Arbeitsstelle (Telefonsupport für einen Hersteller von Computern und Zubehör) stehen große Werbeaufsteller, die die Mitarbeiter dazu animieren sollen, das dort beworbene Produkt den Anrufern zu ihrem System zu empfehlen, gemeinsam mit einer Garantieerweiterung besonders günstig. Der Werbetext lautet in den Anfangszeilen:
„Mit zweitklassiger Sicherheitssoftware stehen Ihre Kunden ganz oben auf der Liste von Hackern. …… Bekämpfen Sie die Gefahren mit dem fortschrittlichsten Schutz von …“
Ich muß jedes Mal schmunzeln. Würde man den Begriff des Produkts auswechseln, würde der ganze Text eine gute Werbung für LINUX abgeben:
„Mit zweitklassigen Betriebssystemen stehen Ihre Kunden ganz oben auf der Liste von Hackern. …… Bekämpfen Sie die Gefahren mit dem fortschrittlichsten Schutz durch LINUX“
Es wird mir jeden Tag deutlich, wie sehr sich eine Industrie um ein Produkt herum entwickelt hat, um dessen Schwächen auszugleichen. Auf der Strecke bleiben uninformierte Menschen, wie eigentlich in jedem Bereich. Wobei ich hoffe, nun wieder die Kurve zum Thema bekommen zu haben: Entwicklung der Community, Verbreitung von Ubuntu.
Ich wünsche allen ein schönes Weihnachtsfest.
24. Dezember 2010 um 00:09:00 Uhr
Ahoi
als Bekenntnis muss ich zugeben, zurzeit beobachte und nutze ich die Community um Ubuntu herum weitestgehend nur, aus dem Grund das es erst seit reichlich einem Monat bei mir als OS läuft und von mir noch nicht konstruktives ausgehen könnte. Nun gibt es für mich keine Referenz zu vergangen Zeiten, trotzdem bin ich überwältigt, von der Hilfsbereitschaft, dem fairen Umgang und dem Engagement rund um Ubuntu. All diese Eindrücke haben mich überhaupt erst dazu bewogen, über das System mit welchem ich umgehe nachzudenken und nicht nur zu nutzen. Somit bliebt mir nur allen Engagierten zu danken, das Sie es möglich gemacht haben…auch für weniger versierte User ein Opensource-Betriebssystem, mit dieser fantastischen Funktionalität, zugänglich gemacht zu haben und es weiter pushen, ich hoffe ebenfalls bald einen betrag leisten zu können.
Ein feines Weihnachtfest wünscht Svenson
24. Dezember 2010 um 08:16:32 Uhr
Meine unbewiesene These ist ja, dass die Leute je besser es ihnen geht, je weniger freiwillig leisten. Es gibt wenige Ausnahmen.
03. September 2011 um 16:29:25 Uhr
[...] in Göttingen (5)21. April 2008 — ubucon 2008 im Oktober in Deutschland (3)22. Dezember 2010 — Die Entwicklung der Ubuntu-Community (10) Schlagwörter: #ubcde11, Community, Deutschland, Gemeinschaft, Leipzig, Lernen, Oktober, [...]