Canaima GNU – ein Linux aus Venezuela
Im Rahmen seiner Vorstellungsrunde verschiedenster Linux-Distributionen aus aller Welt stiftete mich der Bürgermeister persönlich via identi.ca dazu an, eine weitere Distribution vorzustellen. Da es sich dabei um eine Debian-basierende Linux-Variante handelt, sagte ich gerne zu. Das GNU/Linux nennt sich Canaima, wohl angelehnt an den gleichnamigen Nationalpark in Venezuela. Denn von diesem Land entstammt die in spanisch gehaltene Distribution. Venezuela liegt am nördlichen Ende des südlichen, amerikanischen Kontinents. Nachbarn sind die Länder Brasilien, Kolumbien und Guyana.
Das Bild stammt von Wikipedia aus dem Artikel zu Venezuela.
Ganz spannend und nachahmenswert finde ich die politische Haltung von Venezuela in Sachen Teilen von Wissen. Denn die Regierung hat bereits im Jahre 2004 ein Gesetz erlassen, wonach alle öffentlichen Ämter freie Software der geschlossenen bevorzugen müssen, sofern es für die jeweilige Aufgabe welche gibt. Innerhalb dieser Philosophie entwickelten das Nationale Zentrum für Informationstechnologie (CNTI) ein Linux, welches auf Debian basiert: Canaima GNU.
Auf der Website des Linux-Projekts gibt es nebst Erläuterungen und Beschreibung, die allesamt in Spanisch gehalten sind, selbstverständlich auch die Möglichkeit, das freie Linux herunterzuladen. Ich habe mich für die i386-iso-Datei entschieden, die doch immerhin 1.3 GB schwer ist. Es handelt sich dabei um keine Live-CD, aber eine Installation ist damit im Bootmodus möglich. Das habe ich mit einer virtuellen Maschine unter der Haube der VirtualBox erledigt.

Ich habe dazu eine Standard-VM mit 1024 MB flüchtigem Speicher und einer Festplatte zu 25 GB (dynamisch wachsend) erzeugt. Alle andern Einstellungen liess ich auf default, ausser der virtuellen Grafikkarte spendierte ich noch etwas mehr als bloss ein MB Speicher. Dann schob ich die iso-Datei in das imaginäre DVD-Laufwerk und startete die Kiste. Zum Glück kenne ich die Standard-Installation von Debian auswendig. Denn ich verstehe (fast) kein Wort spanisch und hatte daher den Vorteil, dass ich wusste, welche Fragen wann erscheinen und wie die Antworten aufgelistet sind. Aber manchmal reicht es bei technischen Dingen, die in einer fremden Sprache notiert sind, auch, wenn man bloss ein oder zwei Schlüsselworte versteht, um den Zusammenhang zu kennen. Auf jeden Fall habe ich dann die Installation hinbekommen, das Linux läuft in Spanisch, obschon ich bei der Installation Deutsch angegeben habe.
Nombre completo para el nuevo usuario. Ich verstehe den ganzen Satz, weil der sehr einfach ist und weiss von der Debian-Installation her, dass ich hier den kompletten Namen des ersten Benutzers hineinschreiben soll. Ich empfinde das Spanisch als sehr sympathisch. Die Installation dauerte ungewöhnlich lange und auch der erste Startvorgang brauchte fast zwei Minuten. Danach fuhr ich erst einmal die Updates und installierte die Gasterweiterung für die VirtualBox. Canaima/GNU kommt mit Gnome daher und präsentiert sich mit Ausnahme der Icons und dem Hintergrundbild in einem typischen Debian-Bild.

Das Linux wurde unter anderem für die öffentlichen Verwaltung geschaffen und so verwundert es nicht, dass per default alle OpenOffice-Pakete installiert sind – in Spanisch, versteht sich. Dazu kommt noch die Projektverwaltung openproj, X-Chat und Freemind wie einige Erweiterungen für OpenOffice. Ausserdem gibt es ein separates Gnome-Menü für Sound-Effekte, was wiederum für die Arbeitsfreudigkeit der Venezuelaner spricht. Alles in allem ein rundes, aber etwas träges GNU/Linux, das für den Alltag taugen würde, spräche man spanisch. Die ganze Sprachunterstützung für andere Sprachen fehlt. Die liesse sich wohl nachinstallieren, aber wahrscheinlich zu Lasten der Funktionen und Erweiterungen. Die Macher von Canaima investierten recht viel Zeit für das venezuela-spanische Wörterbuch und dessen Integration in OpenOffice und dem Betriebssystem. Auch die Sicherheitsfragen im Gnome-Terminal sind in “venezuela-Spanisch” gehalten. Immerhin nutzt bis heute schon über ein Viertel der Behörden in Venezuela dieses Linux.

Nach diesem Ausflug zum Canaima GNU habe ich die virtuelle Maschine geköpft und die Festplatte sowie die iso-Datei gelöscht. Ich mag Debian-basierende Systeme sehr, aber wenn sie in Spanisch daherkommen, bin ich überfordert. Deswegen kehre ich zurück zu “meinem Ubuntu” – in Deutsch natürlich. Aber es hat Spass gemacht, einmal mehr etwas anderes anzusehen, das zwar auf der gleichen Philosophie wie Debian basiert, aber aus einer ganz andern Ecke unserer Welt stammt.
Ähnliche Artikel
- 1. September 2009 -- Einfach, attraktiv und kostenlos: GNU/Linux (5)
- 7. August 2009 -- Debian GNU/Linux – Das umfassende Handbuch (4)
- 18. April 2009 -- SliTaz GNU/Linux 2.0 mit 30 MB Live-CD (2)
- 15. Februar 2010 -- Ubuntu 9.10 Karmic Koala (5)
- 28. Januar 2010 -- UNIX – Das umfassende Handbuch (4)


03. Februar 2010 um 12:49 Uhr
Was man mit Petrodollars alles anstellen kann…
Grüße
trompetenkaefer
03. Februar 2010 um 14:17 Uhr
[...] hat sich nun also auch umgehend mit Canaima Gnu/Linux befaßt und einen langen Artikel dazu geschrieben. Er geht in diesem auch ein wenig auf die örtlichen Gegebenheiten in [...]
03. Februar 2010 um 16:05 Uhr
Es gibt auch eine Live-Version:
http://canaima.softwarelibre.g.....leases/2.0
03. Februar 2010 um 16:09 Uhr
Ja, ich weiss, Lars. Die ist aber so langsam, dass man damit kaum arbeiten kann. Deswegen entschied ich mich für die iso.
03. Februar 2010 um 16:15 Uhr
Sehr schöner Artikel!
Ich finde es super, dass du auch nebeninfo’s gegeben hast wie die über venezuela!
04. Februar 2010 um 08:22 Uhr
Sehr schöner Artikel mit vielen Zusatzinfo’s! Danke! Mir gibt es Hoffnung für das Linux-Projekt, dass viele Lateinamerikanische oder aber auch Afrikanische Länder hier entwickeln!