Das Internet-Manifest: Selbstbeweihräucherung 2.0
Das Internet-Manifest, welches 15 Damen und Herren aus dem “Online-Journalismus” verfasst und veröffentlicht haben, stösst mir etwas sauer auf. Beim ersten Durchlesen konnte ich dem Papier noch etwas Sympathie abgewinnen, beim genaueren Lesen entpuppt sich das Schreiben nach meinem Dafürhalten als aufgeblasene Selbstbeweihräucherung der Szene und es manifestiert den stark verwurzelten Glauben an die Technik. Auch Stephan äussert seine Bedenken zum Manifest. Hier ein paar Zitate aus dem Papier und meine Meinung dazu:
Sie [die Medien] haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.
Guter Journalismus basiert auf exakter Recherche und der aktiven Gestaltung an der öffentlichen Meinung. Das hat erst in zweiter Linie mit Technik zu tun, die als Hilfsmittel eingesetzt werden sollte. Basieren darf der Journalismus aber niemals auf der Technik, sondern auf dem guten, alten Handwerk des Schreibens.
Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag.
Meine Wahrnehmung ist genau umgekehrt; ich schlage vor, das Wort Mehrheit durch Minderheit zu ersetzen. Den Verfassern empfehle ich, wieder einmal in die Welt hinauszuschreiten und mit Menschen auf der Strasse oder in den Cafés zu reden, statt zu “mailen” oder “facebooken”. Das Internet versucht, die Welt abzubilden. Es ist aber nicht die Welt.
Sie [die Internet-Architektur] darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen.
Das schreiben Medienleute. Spannend! Der nächstgelegene Schmutz zum Aufwischen liegt meist vor der eigenen Tür, manchmal auch beim Nachbar. Aber sehr selten weiter entfernt.
Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.
Einem Recht steht immer eine Pflicht gegenüber. Nämlich die Achtung vor der Gemeinschaft und damit die Pflicht, verwerfliche Inhalte nicht oder speziell gekennzeichnet zu publizieren. Informiertheit ist, nebenbei erwähnt, ein scheussliches Wort.
Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.
Der Fokus sollte auf kann zeigen. Es war noch nie so schwierig, aus den unzähligen Quellen sinnfreie Informationen auszufiltern. Deswegen behaupte ich, dass es noch nie so aufwändig war, gut informiert zu sein – was man darunter auch immer verstehen will.
Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.
Das geht einher mit der Auswahl. Ist eine exakte Auswahl nach bestimmten Kriterien nicht möglich oder nicht gegeben, ist ein Zuviel an Informationen schädlich. Wahrnehmung ist zugleich Auswahl und die darf meiner Meinung nach nicht unterschätzt werden. Greift keine Filterung, werden wir mit Informationen zugemüllt und damit haben wir zuviel davon.
Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele.
Sicher? Da bin ich anderer Meinung.
Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe.
Dummes Zeug! Nach wie vor verfügen die meisten Nichtjournalisten weder über das Wissen noch über über die Möglichkeiten, Nachrichten bis zu ihrer Quelle zu verfolgen und zu überprüfen.
Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen.
Stimmt! Das sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass ein persönliches Gespräch oder ein Telefonat noch immer die bessere Art der Kommunikation ist – trotz der allfälligen Distanz, die es zu überwinden gibt. Gestik, Mimik, Tonfall und Art lassen sich per Kommentar oder Mail nicht transportieren. Technik ist ein Hilfsmittel, ein Gefäss. Der Inhalt – nämlich die Kommunikation unter Menschen – ist immer noch derselbe. Wer tatsächlich glaubt, die Technik würde einst die Kommunikation revolutionieren, begibt sich in eine Schieflage. Die Technik unterstützt bloss die Möglichkeiten, mehr und einfacher zu kommunizieren. Die Kommunikation bleibt, was sie schon immer war.
Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet
Falsch. Das Internet ist ein Versuch, die Gesellschaft abzubilden. Es ist aber nicht die Gesellschaft. Zum Glück.
Ich denke, dass die Damen und Herren VerfasserInnen nicht nur das Internet überbewerten, sondern auch zu technikgläubig sind. Die Technik bringt uns neue Formen der Kommunikation, die einfacher, bequemer und schneller sind. Aber schlussendlich ist es alter Wein in neuen Schläuchen.
Wirklich wichtige Regeln – zwar kein Manifest für Journalisten – wie wir Menschen miteinander im Internet umgehen sollten, sind im Code of Conduct bei Ubuntu definiert. Jene Regeln sind fest mit dem Alltag verdrahtet, basieren auf der Praxis und ich habe deren Einhaltung und Missachtung selbst ausprobiert. Sie lassen sich zwar nicht direkt mit dem Internet-Manfest vergleichen, dafür sind sie praxistauglich.
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09. September 2009 um 07:20 Uhr
mmh vor 2 Tagen hast es noch bereitwillig getwittert, bei mir hat allein das kurze nach unten scrollen gereicht um mich zu der Entscheidung zu bringen in keiner Art und sei es auch kritisch (fällt mir ja schwer) den Unterzeichnern Aufmerksamkeit zu verschaffen
09. September 2009 um 08:13 Uhr
Ja, ich habe ein Dent abgesetzt, weil die Seite nicht erreichbar war. Nun, jetzt ist sie es wieder und die Ernüchterung folgte kurz darauf.
09. September 2009 um 10:07 Uhr
Da sind wir tatsächlich einmal unterschiedlicher Meinung.
Journalismus zeichnet sich durch gute Recherche, durch Aufklärung und – wenn er wirklich gut ist – durch Wissensvermittlung aus.
Die journalistischen Erzeugnisse (Text, Ton, Bild) sollen möglichst weit verbreitet werden und möglichst eine grosse Menge an Menschen erreichen, um ihnen bei der Meinungsbildung zu helfen oder zu helfen “die Welt zu verstehen”.
Das Ziel ist aber nicht eingeschränkt durch die Medienwahl, beschränkt sich aber meistens – und dagegen richtet sich meiner Meinung nach der Kernpunkt des Manifestes – auf die klassischen Medien.
Wenn das Ziel journalistischer Arbeit die Verbreitung der Erzeugnisse ist, darf nicht vor dem Internet Halt gemacht werden, dann muss es einbezogen werden.
Das gilt umso mehr, als dass das Internet immer mehr auch zum Transportmedium für klassische Medien wird, warum werden die Inhalten dann nicht auch dort angeboten?
09. September 2009 um 11:02 Uhr
Wir sind der gleichen Meinung, Dirk, allerdings sollten wir die Begriffe klären:
Guter Journalismus ist nicht das selbe wie das Transportmittel, womit er verbreitet wird. Und er wird auch nicht besser, wenn das Internet zusätzlich genutzt wird. Dass dieser Kanal (das Internet) unbedingt miteinbezogen werden soll, versteht sich von selbst. Aber das Internet trägt primär nichts zur Verbesserung des Journalismus bei, das bleibt nach wie vor dem Ausführen des Handwerks vorbehalten, egal welche Kanäle benutzt werden.
Dass sich die Arbeitsweise oder die Methoden dadurch ändern, wenn das Internet vermehrt benutzt wird, ist richtig und auch angebracht. Es ist aber nach wie vor erforderlich, dass gute Journalismus nur “erzeugt” werden kann, wenn das Handwerk beherrscht wird.
09. September 2009 um 12:26 Uhr
Bin absolut Deiner Meinung. Wobei das Internet als Recherche- und Korrespondenz-Werkzeug natürlich heute schon verwendet wird, allerdings noch in einem sehr geringen Mass als Publikationswerkzeug.
09. September 2009 um 14:06 Uhr
So funktioniert die Informationsgesellschaft.
11. September 2009 um 11:01 Uhr
[...] Das Internet-Manifest: Selbstbeweihräucherung 2.0 [...]
13. September 2009 um 19:57 Uhr
das original internet-manifest 2.1
http://www.stupidedia.org/stup.....t-Manifest